Rückzug aus dem öffentlichen Raum?

Müsste nicht eigentlich der Rückzug der Ostdeutschen aus dem öffentlichen Raum Thema einer IBA Sachsen-Anhalt sein? So fragt die Autorin Tina Veihelmann. 

 Die IBA Sachsen Anhalt zeigt beispielhaft Szenarien, wie international Städte mit dem Problem der Schrumpfung umgehen können – denn Schrumpfungsprozesse erwarten uns global. Es geht – natürlich – um überregional anwendbare Strategien, diese zu lenken und zu gestalten. Schrumpfung hat viele Aspekte. Nicht alle betreffen den Rückzug aus der Öffentlichkeit. Aber: Der Rückgang öffentlichen Lebens ist originär mit dem Thema Schrumpfen verbunden.

Schrumpfung heißt Rückzug aus dem öffentlichen Raum. Öffentlicher Raum – verstanden als Sphäre, in der sich Subjekte selbstbewusst zeigen und in der man sich begegnet. Damit verbunden ist auch ein Rückzug aus dem öffentlichen Raum – verstanden als politischer Raum für Engagement, das alle betrifft. Eine dünne Besiedlung in einer Region wäre an sich unschuldig. Wer meint, das Szenario allein mit weniger Menschen, ergo Ausdünnung der Beziehungen beschreiben zu können, erfasst nicht die Dimension des Problems.

Entscheidend ist nicht der Ist-Zustand, sondern die Richtung, in die sich die Dinge bewegen. Es geht um die Abwertung des eigenen Bereichs und des eigenen Hintergrunds, eine Deklassierung derer, die dort aufwachsen und leben, und ihren Rückzug als Folge.

Auch das beschriebe ein nicht ost-spezifisches Problem, sondern eines, das generell schrumpfende, abgehängte Gemeinwesen betrifft, ob in Deutschland, Russland oder den USA.

Ein ostspezifisches Problem in schrumpfenden Städten ist die Überlagerung zweier negativer Dynamiken. Die oben beschriebene – und die Deklassierung und sozialen Exklusion der Ostdeutschen auf dem eigenen Terrain. Der Soziologe Raj Kollmorgen wies darauf hin (Süddeutsche Zeitung, Magazin 30, 2010), dass im Osten etwa dreißig Prozent der Elite – verstanden als ranghohe Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft, Verwaltung und Medien – aus dem Osten stammen, bei einem ostdeutschen Bevölkerungsanteil von annähernd 95 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern sitzen 18 westdeutsche Minister in den Kabinetten. Keins der DAX-Unternehmen wird von Ostdeutschen geleitet. 95 Prozent der Professuren in den Geistes- und Sozialwissenschaften sind – auch an ostdeutschen Universitäten – von Westdeutschen besetzt. Keine öffentlich rechtliche Rundfunkanstalt hat einen ostdeutschen Intendanten, auch nicht der MDR, keine überregionale Tageszeitung, kein großes Magazin wird von einem ostdeutschen Chefredakteur geleitet. Zwanzig Jahre nach der Wende, meint Kollmorgen, kann dieser Tatbestand nicht mehr allein mit nicht passenden Qualifikationen erklärt werden, sondern mit dem Umstand, dass Eliten dazu neigen, sich selbst zu reproduzieren.

Wer über ostdeutsche schrumpfende Städte spricht, kann über ihre Revitalisierung schwerlich sprechen, wenn dieser Umstand ausgeblendet wird. Wer nicht beteiligt ist an Unternehmen, Medien, etc. wird sich auch nicht im öffentlichen Raum engagieren.

Insofern stellt sich die Frage, ob die IBA für die Bewohner der Städte gedacht ist – dann käme man an dem Thema nicht vorbei – oder in erster Linie für ein internationales Publikum, das mit dem Thema Schrumpfen möglicherweise noch wenig vertraut ist, und mit dem Thema „Ostdeutsche“ vermutlich noch weit weniger. Bei früheren wegweisenden IBAs – der Berliner IBA Behutsame Stadterneuerung beispielsweise, wurde der Erfolg der Unternehmung durchaus an beidem gemessen. An der spezifischen lokalen Wirkung und an der internationalen Rezeption.

Ein Problem an der Thematisierung ist neben der Angst, ins Regionale abzugleiten, sicherlich, dass sich das Stigma des Jammer-Ossis, das den Ostdeutschen anhaftet, auch auf all jene überträgt, die sich mit dem Thema befassen. Der Eindruck, man könne außen dem Konstatieren der Sachlage wenig tun, hängt möglicherweise mit diesem Vorurteil zusammen. Dabei könnte man sicherlich etwas tun. Man könnte von Strategien lernen, die anderen Zusammenhängen entwickelt wurden, um Diskriminierungsprobleme zu lösen. Quoten sind ein umstrittenes Instrument, haben aber schon (wenigstens etwas) dazu beigetragen, sich selbst reproduzierende Eliten aufzubrechen. Im Rahmen einer IBA sind diese Probleme ganz sicher nicht lösbar. Allerdings hätte man eine Kommunikation darüber anregen können - so, wie im Rahmen der IBA Sachsen Anhalt viele Werkzeuge angewandt wurden, die in erster Linie darauf abzielen, nachhaltig Kommunikationsräume zu schaffen und Themen wie bürgerschaftliches Engagement und lokale Demokratie zu stärken. 

Permalink zum Beitrag

2 Antworten auf Rückzug aus dem öffentlichen Raum?

  1. steffen freitag sagt:

    Eine Ostquote für Ostler im Osten, das ist schon eine lustige Idee. – Ja, es stimmt, Ostler sind in den Unternehmen, den Medien etc. unterrepräsentiert. Und man vermisst inzwischen kritische Stimmen wie die von Edgar Most, einem kompetenten Finanzexperten, einer der wenigen, der es in westdeutsche Vorstandsetagen geschafft hat. Aber wieso eigentlich “Rückzug”? Das stimmt doch nur zur Hälfte. Ja, inzwischen ziehen sich die Ostler zurück, aber nicht nur sie. Die Wahlbeteiligung beispielsweise erreicht überall im Land Tiefstwerte.
    Aber die Fallhöhe war im Osten natürlich um so größer: mit der Erfahrung, friedlich ein System gekippt zu haben. Es folgte bald der Beitritt – und schneller, als man gucken konnte, wurde “evaluiert”, abgewickelt, an den Universitäten, in Firmen, in den Medien (das frühere DDR-Fernsehen z.B. wurde durch den Bayern Rudolf Mühlfenzl aufgelöst), Wissenschaftler wegen zu kritischer Haltungen ins berufliche Aus geschickt. Die renommierte Architekturhistorikerin Prof. Simone Hain beispielsweise arbeitet nun in Österreich. Auf diese Weise wurde unendlich viel Wissen, Potenzial und Können ignoriert und verschenkt. Die Posten wurden zügig von “Westlern” besetzt, oft genug Leute, die einfach wg. Unfähigkeit in den Osten entsorgt wurden. Zu deren Trost wurde die “Buschzulage” erfunden. Allein diese Worte!
    Besonders beliebt war zudem der ostdeutsche Immobilienmarkt, den wilden Spekulationen westdeutscher “Banker” verdankte beispielsweise Berlin seine Finanzkrise.
    Der qualifiziertere ostdeutsche Nachwuchs ging dann lieber gleich in den Westen, weil die Berufschancen im Osten nach der Wende nahezu gegen Null gefahren worden waren. Man muss sich dann über demografischen Wandel und Facharbeitermangel im Osten nicht wundern, wenn fähige Köpfe so konsequent entsorgt wurden. Ja, und der “Rest” – zieht sich zurück. Das kann man Rentnern, gestressten Familien, perspektivlosen Jugendlichen oder Arbeitslosen angesichts der Situation auch kaum vorwerfen … Es geht hier nicht eigentlich um Herkünfte, sondern um die fatalen ökonomischen, sozialen und politischen Folgen eines zu schnellen Beitritts, den man wohl eher Übernahme nennen sollte. Oder Übergabe. Die Frage wäre nun, was – 20 Jahre später – daran noch zu ändern wäre. Und vor allem: wie.

  2. Bachmann sagt:

    Sicherlich hängen das Problem der Schrumpfung und das Problem des sozialen “Abrutschens” vieler Menschen in den kleineren Städten Sachsen-Anhalts zusammen. Es sind in erster Linie die sichtbaren Folgen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels in dieser Region. Das hat mit Öffentlichkeit oder öffentlicher Präsenz von Ostdeutschen erst in zweiter Linie zu tun. Es erscheint mir ein zu hoher Anspruch, dass eine Bauausstellung diese Probleme zu lösen vermag. Auf einer Führung durch die IBA-Überblicksausstellung in Dessau wurde – für mich überzeugend – ausgeführt, dass die IBA-Projekte die Grundsatzprobleme (Schrumpfung, fehlende Arbeitsplätze, etc.) nicht zu lösen vermag, aber die Lebensbedingungen für die verbleibenen Menschen durchaus verbessern kann. Viele Projekte belegen, dass die IBA-Macher sich insbesondere um den öffentlichen Raum in den Städten gekümmert haben (z. B. Staßfurt, Eisleben, Aschersleben) und dabei auch die Anwohner, Eigentümer und lokalen Nutzer mitgenommen haben. Über die baulichen Ergebnisse kann man sicherlich streiten. Es sind oft keine “Hochglanz”-Projekte, aber der begleitende Prozess dahin erscheint mir fast wertvoller. Ich hoffe, dass die neu geschaffenen öffentlichen Räume auch nachhaltig als Kommunikationsräume angenommen werden. Wenn das in den kleinen Städten klappt, ist schon eine Menge gewonnen. Und auf lokaler Ebene braucht man sicher keine Quoten.

Einen Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. (Erforderliche Felder *)

*