Der Herbst taucht Dessau in Nieselregen und macht deutlich, dass die Saison zu Ende ist. Eine schrumpfende Stadt, eine der IBA-Städte. Die roten Wimpel am „Roten Faden“ stehen aufrecht im Nebel. In den Bürgergärten welkt der Salat. Vor kurzem packte „Jugend baut Zukunft“, eine Sommerschule der Bauhausstiftung, ihre Zelte wieder ein. In Erinnerung sind eine noch sommerliche Amazonasbar und die Rede eines selbsternannten Dessauer Bürgermeisters, der sein Programm ausrief – eine School of Love, Knödel für Dessau. Für Stunden gute Stimmung, fast ein bisschen Aufbruch.
Was wäre ein Zwischenresümee der Projekte, Aktionen, homöopathischen Reizungen am Ende einer Saison?
Die IBA wurde – als das umfassendste Programm am Patienten schrumpfende Stadt –vielfach kommentiert. Aufgeworfen wurde die Frage, ob das Thema Schrumpfen mit der Ausstellung und den Projekten in den IBA-Städten ausreichend ins Bewusstsein gebracht worden sei. Kritik wurde geäußert, dass sehr viel Stadtmarketing betrieben wurde, das an allen Orten zu jeder Zeit praktiziert werden könne – und zu wenige Konzepte entstanden seien, die sich originär dem Schrumpfen von Städten widmen. Es wurde die interessante Frage in den Raum gestellt, ob der Umgang mit dem Schrumpfen nicht auch eine Frage von Akzeptanz sei. Schließlich würde eine extrem dünne Besiedlung etwa in ländlichen Regionen Schwedens nicht als Störfall wahrgenommen, sondern man finde dort pragmatische Lösungen – wie beispielsweise die medizinische Versorgung vonstatten gehen kann. Warum überhaupt die Beschreibung des Vorgangs als Katastrophe? Ist die Wahrnehmung von Schrumpfung nicht eine Frage der Perspektive?
Blickt man, die Beiträge und die Kritiken im Ohr, auf Dessau zum Ende der Saison, geht man über den Markt und durch die Straßen ringsum, schieben sich die Dessauer ins Bild; Einwohner, Einkäufer, Stadtwanderer. Wer durch Dessau wandert, den übermannt dieses Dessau-Gefühl. Das nicht nur ein Dessau-Gefühl ist, sondern auch ein Frankfurt/Oder-Gefühl oder ein Zeitz-Gefühl oder ein Gera-Gefühl. Erzeugt, durch zu leere, zu weite Straßen – und noch etwas anderes, das in der Luft liegt. Eine Stimmung, ein Ausdruck in den Gesichtern der Übriggebliebenen, eine Abschottung und ein Trotz, eine Abwehr.
Schrumpfen, das drängt sich auf, ist nicht nur ein städtebauliches Sujet, eine ökonomische Frage, ein Problem der Infrastruktur und Versorgung, sondern auch eine soziale Frage. Und – mithin ganz entscheidend – eine Frage der Perspektive. Schrumpfen ist ein Problem von Deklassierung. Und in diesem Zusammenhang ein ost-spezifisches Problem. Kein gefühltes, sondern ein echtes, nachweisbares Problem, das ostdeutsche Städte und Regionen betrifft. Dass inzwischen nur noch fünf Prozent der deutschen Elite – auch in ostdeutschen Städten selbst – aus dem Osten kommen, merkt man in diesen Städten. Dass qua struktureller Fehler im Vereinigungsprozess ein ganzer Teil des Landes bislang scheinbar unumkehrbar abgehängt worden ist, ist hier nicht zu übersehen. Dass es zwanzig Jahre nach dem Mauerfall im vereinigten Deutschland ein in Zahlen belegbares Diskriminierungsproblem gibt – weil man das Versagen nicht der Vereinigungspolitik, sondern den Ostdeutschen anlastet – spürt man hier.
Gemessen daran, war es selten Thema – sowohl in der IBA selbst als auch in den Debatten um die IBA. Vielleicht wird dieses Thema umschifft, weil man seine Erwähnung für wenig zielführend hält: Was soll man heute tun, wenn vor zwanzig Jahren Weichen falsch gestellt wurden? Eine abgeschlossene Treuhandpolitik, eine überstürzte Währungsunion kann man im Nachhinein nicht mehr umjustieren. Vielleicht aber muss man von den Erfahrungen lernen, die auf anderen Feldern mit Diskriminierungsproblemen gesammelt wurden. Vielleicht muss man Quoten in den Führungsetagen in Firmen vor Ort einrichten – wie etwa im Solar Valley in Bitterfeld/Wolfen. Oder in den ostdeutschen Tageszeitungen, Rundfunkanstalten.
Teilhabe ist Voraussetzung für Demokratie und öffentliches Leben. Wenn Teilhabe an der politischen und ökonomischen Führung selbst in ostdeutschen Städten nicht gegeben ist, ist die Folge jener Rückzug aus der res publica, die emotionale Verrammelung.
Die IBA hat dieses Thema – obwohl es um sachsen-anhaltinische Mittelstädte geht – weitgehend außen vor gelassen. Das ist sicher ein Versäumnis. Denn sie widmete sich durchaus dem Thema des Verödens oder, positiv formuliert, der Wiederaneignung öffentlichen Raums. Da wären etwa die Bürgergärten in Dessau, die Claims, die Picknicks in Halberstadt, die Stimulierung der Wahlfamilien in Wanzleben, das Bürgerhaus in Naumburg. In ostdeutschen Städten aber müsste man dem Rückzug aus der Öffentlichkeit auf einer anderen, tieferen Ebene entgegen wirken.
Interessant ist, dass die Jugendlichen des Workshops „Atlantis now“ der Dessauer Sommerschule naiv und intuitiv auf die kommunikative Verbarrikadierung und auf die mangelnde Teilhabe reagierten, indem sie einen Jugendlichen den Bürgermeisterposterposten übernehmen ließen, der sich für eine Dessau School of Love einsetzt – in der man wieder lernen soll, wie man ein Gespräch beginnt. Eine homöopathische Reizung, ein Sommerabend.
Sie sollen nicht klein geredet werden. Weder die Aktionen noch die Projekte, und ganz und gar nicht die städtebaulichen Strategien für schrumpfende Städte, von denen zu wünschen wäre, dass sie keine Eintagsfliegen dieser IBA-Präsentation werden, sondern tatsächlich langfristige Leitbilder, nach denen sich Städte wie Dessau und Aschersleben entwickeln. Aber es soll auf einen blinden Flecken hingewiesen werden – den es vermutlich länger geben wird als die IBA-Saison.
Dieser Text hat mich wirklich beschäftigt, weil er ein Thema anspricht, über das kaum noch gesprochen wird. Ja, es stimmt, in den ostdeutschen, schrumpfenden Städten von Dessau bis Zeitz herrscht eine eigenartige Atmosphäre. Es ist die Stimmung der sich abgehängt Fühlenden, die zugleich das Gefühl haben, bei den Entscheidungen darüber, was zukünftig geschehen soll, nicht mehr groß gefragt zu werden. Andererseits hat man als “Ostler” auch keine große Lust mehr, sich zum Osten zu äußern: Das mediale Ost-Bashing der 90er Jahre hat viele verstummen lassen, und wer als etwas Privilegierterer die Möglichkeit hatte, selbst medial zu kommentieren, landete schnell in der Ecke des Alibi-Ostlers, der von nun an auf das Thema abonniert war – und sich gleichzeitig damit selbst ins Ost-Aus begab.
Aber: das Thema schrumpfender Städte, alternder Bevölkerung, Arbeitslosigkeit ist kein originär ostdeutsches, und in westdeutschen Städten wie Marl oder Duisburg ist die Stimmung nicht eben lustiger. Sicher ist, dass auch im Westen die Demografiefalle zuschnappen und die Bevölkerung dramatisch schrumpfen wird. Man lese allein den Kommentar des Wissenschaftlers Reiner Klingholz im SPIEGEL Nr 35 zur versäumten bundesdeutschen Einwanderungspolitik. Nicht nur der Osten übt sich in Politikverdrossenheit, ganz Westeuropa tut es – und sitzt Populisten wie Sarrazin auf. Viel zu lange hat sich die “Alte Welt” in Selbstgefälligkeit gesonnt.