Die IBA brachte eine intelligente Anlagestrategie in die Stadtumbau-Fördergelder

Wo werden unsere Kinder wohnen? Der Trend geht zurück in die Großstädte, denen die Generation der Eltern und Großeltern gern den Rücken gekehrt hatte. Ihr Lebenswunschmodell mit Haus im grünen Vorort hat angesichts steigender Mobilitätskosten und einer veränderten Arbeitswelt, die ihre besten Jobs und Karrierechancen in den internationalen Metropolen bietet, für immer weniger junge Menschen Zukunft.

Während Städte wie München noch weiter wachsen, stehen bereits heute die kleineren Städte als Verlierer der neuen Wanderungsbewegung da, die weniger (gut bezahlte) Arbeitsplätze und weniger Zerstreuung in der Freizeit bieten, wo kein Flugzeug landet und kaum noch ein Zug hält.

Dennoch wird es immer Menschen geben, die lieber in einer Provinzstadt ihr Leben planen,  sei es wegen der besseren Überschaubarkeit, der vertrauten Nachbarschaft – oder einfach nur, weil es ihr Heimatort ist. Das hat viel mit Geborgenheit zu tun, einer in der Großstadt oft vermissten Lebensqualität. Eben darin liegt die Chance der kleineren Städte: Wo ich mich wohlfühle, lebe und bleibe ich gern. Aber nur dann.

Und genau das ist das große gesellschaftliche Thema der IBA Stadtumbau 2010.  Das ist Sachsen-Anhalts bisher vielleicht gewichtigster Beitrag zur Zukunftsdiskussion in Deutschland, und anders als das Lamento über Geburtenmüdigkeit, steigende Rentenbeiträge oder über den Bankrott des Sozialstaats zeigt er Lösungsansätze. 

Vor acht Jahren wurde die Landesregierung bundesweit belächelt, als sie die IBA auf den Plan hob. Zu diesem Zeitpunkt war der Leerstand in ostdeutschen Städten nicht mehr zu übersehen und drohte Wohnungsunternehmen in den Bankrott zu reißen. Unbewohnte Häuser bedeuten nicht nur Mietausfälle. Wenn das kommunale Netz an Wasser-, Abwasser-, Stromleitungen für immer weniger Haushalte vorgehalten werden muss, dann explodieren unweigerlich die Betriebskosten.

Unbemerkt hatte sich der chronische Wohnungsmangel der DDR in ein Überangebot gekehrt, nachdem unter der Fördermitteldroge auch die kleinste Kommune einem exzessiven Bau-Rausch verfallen war. Doch die Abwanderung konnte das nicht verhindern, denn die Arbeitsplätze gab es „im Westen“. Leerstand und Schrumpfung also ein ostdeutsches Problem? Zunächst. Aber inzwischen holt es immer mehr Städte in den alten Bundesländern und europaweit ein.

Mit dem Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ hat die Bundesregierung ab dem Jahr 2002 einen Versuch unternommen, die unheilvolle Entwicklung zu beherrschen. Die Verbindung von Rückbau und Aufwertung sollte die Innenstädte stärken, was zunächst auf geförderten Abriss hinaus lief. Doch wenn man nur Lücken ins Stadtbild reißt, bleibt die soziale Erosion erkennbar, das Gefühl von Verlust und Rudimentärem – das Gegenteil von Wohlfühlen. Stadtumbau in sich entleerenden Städten muss deshalb so erfolgen, dass für die bleibenden Bewohner das öffentliche Leben weiter pulsiert.

Dieser ganzheitliche Ansatz macht die IBA aus, die Sachsen-Anhalt dem Stadtumbauprogramm Ost im Jahr 2002 als „Sondereinheit“  zur Seite stellte, wie es IBA-Architektin Sonja Beeck einmal formulierte. Man kann auch sagen, die IBA hat in das vorhandene Fördergeld die intelligente Anlagestrategie gebracht. Natürlich lag es nahe, die Stiftung Bauhaus Dessau zu beauftragen. Die frühere Hochschule für Gestaltung war 1925 aus Weimar nach Dessau umgezogen und wirkte hier, bis die Nationalsozialisten die Ideenschmiede der klassischen Architektur-Moderne auch von hier vertrieben.

(erschienen am 8. März 2010, Magdeburger Volksstimme)

Permalink zum Beitrag

Einen Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. (Erforderliche Felder *)

*