
Der IBA mangelt es am Mut zu wirklich radikalen Experimenten in der Auseinandersetzung mit den völlig neuen Schrumpfungsprozessen – das schreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil in einem Beitrag für den IBA-Katalog.
„Der gegenwärtige internationale Prozess des Schrumpfens der Städte stellt radikal die Geschäftsgrundlage der traditionellen Disziplinen der Architektur und Stadtplanung in Frage.“ Mit dieser Feststellung hatte die Jury des Wettbewerbs „Schrumpfende Städte – Die Stadt neu denken“ 2005 ihren Abschlussbericht eingeleitet. Man muss die ganze Tragweite dieses Satzes auf sich wirken lassen, um für die daraus folgenden Ratlosigkeiten gewappnet zu sein. In schrumpfenden, verarmenden, vergreisenden Regionen, diesen neuen, dem fundamentalen Strukturwandel geschuldeten „inneren Peripherien“, kann es – auch nach zehn Jahren Stadtumbau-Praxis in Ostdeutschland – noch längst nicht um rezeptartige Antworten gehen. Noch immer befinden wir uns in der Phase des Erfassens konkreter Zustände, aus denen Fragen formuliert werden müssen: Worin besteht das Problem eigentlich? Wer ist von Fall zu Fall zuständig? Liegt es am Geld? An den Strukturen? An der Ästhetik?
Egal, wie die Antworten ausfallen: für das Planungsgeschehen sind die Folgen krass. Sobald es nämlich darum geht, nicht irgendwo etwas hinzuzufügen, sondern etwas wegzunehmen, müssen sich Planer und Gestalter von traditionellen Handlungsroutinen verabschieden.
Hauptmotiv für die IBA Stadtumbau war die seit der Jahrtausendwende wachsende Einsicht, dass den von massiven Schrumpfungsprozessen betroffenen Städten Ostdeutschlands mit den herkömmlichen Instrumentarien eines auf Wachstumssteuerung ausgerichteten Planungsdenkens nicht zu helfen sein würde. Ausnahmslos alle Akteure in der Stadt- und Regionalentwicklung mussten sich in neuen Bezugssystemen – ausgelöst von Nachfrageschwund, Raumüberschuss und daraus folgendem Immobilien-Wertverfall – zurechtfinden. Die zentrale Herausforderung dieser IBA bestand darin, für diese völlig neuen Handlungsfelder positive Beispiele zu finden und zu kommunizieren.
Haben zehn Jahre IBA-Geschehen nun geholfen, das Erfahrungsdefizit abzubauen? Sind die IBA-Städte, wie es im ursprünglichen Konzept für Eisleben so programmatisch hieß, jetzt nicht einfach nur „kleiner“, sondern auch „klüger“ geworden?
Natürlich muss jeder der 19 Teilnehmerstädte an medialer Aufmerksamkeit gelegen sein, denn die dominierende These und zentrale Antriebsidee dieser IBA – das Finden und Fördern lokaler Images – führt jedes einzelne Stadtprojekt am Schluss zwangsläufig in das Rampenlicht möglichst großer Öffentlichkeit. Dort wird dann gefeiert, was griffige Bilder verspricht. Bilder, die trösten, auch in der Misere noch Mut machen und die den so beliebten wie scheinheiligen Slogan von der „Krise als Chance“ untermauern. Publizistisch verbreitet und gefeiert wird so genau die Verweigerung der tatsächlich bevorstehenden Konsequenzen aus dem Paradigmenwechsel, den uns der Epochenbruch aufzwingen wird. Schrumpfungsstrategien bedürfen aber entschieden radikalerer Experimente, die alle gängigen Muster und Modelle bisheriger Modernisierung infrage stellen.
Auch verschrobene Projektideen wie der „Trainingspfad des Sehens“ in Halberstadt sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gesamtprogramm dieser IBA auf Konsens gebaut war – was nicht überraschen darf, solange die Veranstalter auf die Kooperationsbereitschaft der beteiligten Kommunen angewiesen sind. Einen geradezu klassischen Fall solcher Verzagtheit gegenüber radikaleren Strategien lieferte die Stadt Köthen, deren Einstiegsmotto „Stadt zum Wohlfühlen“, noch dazu auf Grundlage einer stark expandierenden Infrastruktur der Altenpflege, eigentlich einen Weg hin zum Modell einer „Slow City“ nahe gelegt hätte. Doch die Furcht, den vermeintlich negativ konnotierten Begriff der „Langsamkeit“ in der Bevölkerung nicht vermitteln zu können, ließ einen zufälligen Historienfakt – Köthen gilt als Erfindungsort der Homöopathie – zum ganz traditionell gedachten Aufmerksamkeitsmotiv avancieren. Was den Wittenbergern ihr Luther, Melanchthon oder Cranach, sollte den Köthenern eben ihr Samuel Hahnemann sein. Und wie weiter?
Ein vergleichbares Schicksal ereilte Eisleben, das ursprünglich unter dem Slogan „Kleiner – klüger – kooperativ“ nach Lösungen für das Problem der stadträumlichen Perforation suchte. Was sich anfangs als experimenteller Erfindungs- und Aushandlungsprozess weitgehend im Verborgenen abspielte, trat schließlich in Gestalt attraktiv umfriedeter Brachen und „roter Türen“ als Einladung zu bürgerschaftlichem Engagement poetisch ins Licht öffentlicher Aufmerksamkeit. Um diesen Erfolg einer planerischen Innovation ist es dann allerdings unverdient still geworden. Mit der Eröffnung der (enorm attraktiven) Neubauten rund um das Luther-Geburtshaus samt dem dazu entwickelten Luther-Erlebnispfad rückte auch für Eisleben ein touristisches Konzept in den Vordergrund.
Auch jene Städte, die sich wie Wittenberg, Naumburg oder Bernburg durch Gründung und Stärkung von Bildungsstandorten Profilierung versprechen, müssen sehr darauf achten, dass ihre „pädagogischen Alleinstellungsmerkmale“ nicht auf reines Stadtmarketing zurückgestutzt werden. Die Besonderheit einer „wachstumsfernen“ Experimentalregion gegenüber den anderen, traditionellen IBAs mit ihren Stararchitekten und teuren Renommierspektakeln, gerät so aus dem Blick. Gegen diese Attraktionsfalle haben die Dessauer Veranstalter sich nicht genügend gewehrt.
Ob die Städte nun wohl zu gefragten Exkursionszielen für Planerverbände oder Rathausdelegationen aus vergleichbar betroffenen Regionen oder gar aus der internationalen Expertencommunity werden? Einigen Städten kann man solche Aufmerksamkeit vorhersagen, anderen möchte man sie dringend wünschen, damit wenigstens noch im Nachhinein aus den zu kurz gesteckten Zielen ein Nutzen gezogen werden kann.
Die Fusion der Städte Bitterfeld und Wolfen stellt den Versuch dar, anstelle des Prinzips der Standortkonkurrenz gemeinsames Heil einmal im Gegenteil, in der regionalen Kooperation, zu suchen – ein Experiment, das für eine ständig steigende Zahl anderer „Schrumpfungskandidaten“ von größtem Interesse sein dürfte.
Am weitesten wagt sich das „Stadtinsel-Projekt“ von Dessau-Roßlau über alle Gewissheiten herkömmlicher Stadtplanung hinaus, indem es Perforation als legitimen Entwicklungspfad mit eigenen Formen und Qualitäten akzeptiert. Auf den neuen städtischen Grünzügen lässt sich wohl am plausibelsten jene grundstürzende Einsicht nachvollziehen, dass auch das Leitbild der Europäischen Stadt bei ausbleibendem Wachstum an seine Grenzen stößt. Gemessen am Erwartungshorizont dieser IBA wird man Dessau-Roßlau den Rang eines experimentellen Stadtlabors am ehesten zubilligen können.
Leider hat Halle, das seinem Einstiegsthema „Balanceakt Doppelstadt“ im Laufe der Jahre selbst immer weniger zu vertrauen schien, die riesige Chance vertan, ein ganz zentrales Problem gesamteuropäischer Stadtentwicklung – die Integration und Normalisierung einer klassischen Neustadt der Moderne – unter den unwiederholbar günstigen IBA-Bedingungen zu bearbeiten und mit Vorzeigeresultaten zu bereichern. Auch Aschersleben hatte sich mit einer klugen Analyse seiner Ausgangslage für kreative Planungsschritte bei der Verkleinerung seines längst zu großen Stadtkörpers empfohlen, dann aber im Projektverlauf lieber auf das publicityträchtige Spektakel der „Drive-Thru-Gallery“ gesetzt, als nach einer tatsächlich tragfähigen und stadtverträglichen Lösung für eine Horrorstraße zu suchen, in der bei heutigem Verkehrsaufkommen (und noch dazu ohne Wohnungsnot) garantiert kein Mensch mehr wohnen will.
Ohne hier jeder der 19 IBA-Städte einen bewertenden Kommentar zu widmen, soll doch abschließend jener eine Fall erwähnt werden, an dem die radikalste aller Schrumpfungskonsequenzen wenigstens als Denkmodell und Szenario hätte durchgespielt werden können: Staßfurt und das Verschwinden seiner Ortsmitte. Wohl in keiner der IBA-Städte war die Bevölkerung mit dem Thema ganz konkreten Heimatverlustes nachdrücklicher konfrontiert als hier, wo kein unvertrautes demografisches Neuzeit-Phänomen, sondern eine jahrhundertealte regionale Bergbautradition die Stadt ausgerechnet in ihrem Kernbereich so zerstört hat. Dieser Ausgangslage Themen wie „Erinnerung“, „Landschaft“ oder „Bergbauschäden-Kompetenz“ abzugewinnen, lag nahe, hätte aber wohl im Interesse der gesamten IBA-Idee noch weiter getrieben werden können. Wenn nun der Staßfurter Bürgermeister sich rings um den neugeschaffenen Innenstadtsee lauter Stadtvillen ersehnt, damit „dieser Ort wieder ein Zentrum urbanen Lebens“ wird, dann fragt man sich, woher er solche Leitbildvisionen bezieht und warum ein IBA-Team sich mit derlei Träumen widerspruchslos zufrieden gibt.
Der Mut der Initiatoren, sich gerade in einer besonders betroffenen Region der praktischen Auseinandersetzung mit den weithin noch immer als unbeherrschbar geltenden Schrumpfungsphänomenen zu stellen, ließ aufhorchen und weckte Erwartungen. Umso mehr muss es als das große, ja tragische Versäumnis des zehnjährigen Experiments erscheinen, dass diese IBA nur in so wenigen Fällen ein Bewusstsein für das existenzielle Drama ihrer Austragungsorte entwickelte. Schrumpfungsprozesse derart flächendeckender Dimension sollten doch den von vielen Planergenerationen verdrängten Umstand in Erinnerung rufen, dass Städte weder ein aus Pietät zu bewahrendes Erbe unserer Vorfahren, noch Sehnsuchtsorte irgendwelcher Wohlfühlqualitäten sind. Städte, Dörfer, Siedlungssysteme waren und sind stets sozial-räumliche Ausformungen von ökonomischen Verhältnissen, und so wie letztere sind auch jene Geografien, die uns vorübergehend „Heimat“ heißen, gravierenden historischen Wandlungen unterworfen.
(…) Keine einfache Konjunkturflaute, kein revidierbarer Wettbewerbsnachteil setzt die 19 IBA-Städte Sachsen-Anhalts unter Druck. Die Analyse der demografischen Entleerung der Altmark etwa beschreibt den zu erwartenden Trend doch geradezu handgreiflich. Weil die ökonomisch bedingte Neustrukturierung ganzer Kulturlandschaften ein epochal umwälzender Vorgang ist, glauben kritischere Analysten nicht mehr an die Wirksamkeit althergebrachter Instrumente, sondern rufen nach dem Sprung in andere Systeme. Am klarsten hat wohl Klaus Ronneberger den fundamentalen Wandel auf den Begriff gebracht: „Der Kapitalismus erzeugt eine geografische Landschaft, die für eine gewisse Zeit dem jeweiligen Entwicklungsmodell entspricht, um sie dann im nächsten Zyklus zu zerstören.“ Nicht über einen Katastrophen-Film à la Hollywood hatte der Frankfurter Soziologe da geschrieben, sondern über Vorgänge im uns bevorstehenden Jahrhundert, die in Sachsen-Anhalt teilweise schon die Gegenwart prägen. Wenigstens einen leichten Schauder angesichts dieser Perspektive hätten die Erfinder des IBA-Programms an sich (und uns) ruhig heranlassen können.
Wolfgang Kil
Bin ganz deiner Meinung!
Man kann mit Blick auf die – baulich umgesetzten – Ergebnisse der IBA sicherlich über Zaghaftigkeit und mangelnde Konsequenz im Umgang mit dem Schrumpfungsthema klagen. Aber eines vergessen die kritischen Theoretiker dabei gern: Wie es vor acht Jahren aussah, als die meisten vom Bevölkerungsrückgang betroffenen -überraschten – Städte wie gelähmt vor dieser neuen Situation standen, nachdem ihnen altbundesdeutsche Städteplaner noch kurz vorher die schönsten Wachstumsmodelle ausgemalt hatten, und nachdem endlich der Wohnungsmangel der DDR ausgemerzt werden konnte. Mutlosigkeit, Ausweglosigkeit, Resignieren – so sah es Ende der 1990er Jahre in vielen mitteldeutschen Stadtverwaltungen aus, als immer mehr Leerstand gemeldet wurde.
Und dann kam die IBA. Und ihre Mitstreiter haben vor allem anderen eines geschafft: Mut zu machen und die Schockstarre zu lösen. Ich habe erlebt, wie Bürgermeister, Planer, Stadträte, Vertreter von Wohnungsunternehmen plötzlich vor Ideen sprudelten, plötzlich ganz unbeamtenhaft quer dachten – und vor allem: wieder aktiv wurden. Manch euphorischer Plan mag sich als nicht haltbar erwiesen haben, manchmal blieb auch der Mut auf halber Strecke stecken (zum Beispiel in Halle, da gebe ich dem Autor recht), aber darum geht es nicht in erster Linie. Wichtig ist, dass die “Offensive” begonnen hat und die Richtung stimmt.
Nicht zu vergessen die ansteckende Wirkung auf die Stadtbevölkerung. Ich hätte vor acht Jahren nicht geglaubt, dass so viele Bürger für die IBA-Projekte und ein aktives Mittun zu begeistern sind.
DARÜBER sollte viel mehr geschrieben werden, das ist das primäre Verdienst der IBA Sachsen-Anhalt, das für alle bisherigen Internationalen Bauausstellungen einmalig sein dürfte und vielleicht auch nicht in Metropolen funktionieren kann, zumal wenn es um “große Architektur” geht.
Der Stadtumbau in Dessau wird immer skandalöser. Wenn man
jetzt schon Trampelpfade benutzen soll! Ich kamm mich erinnern
vor längerer Zeit stand darüber mal ein Artikel in der MZ. Da dachte
ich mir schon einmal, jetzt wohnen wir nun im Urwald. Nur noch
schnell die Stadt verlassen. Sonst ist man ja ganz gefangen. Das
wohnen hier ist nicht mehr schön. Es gibt nur die Regionalbahn.
Das verreisen mit Zug ist äußerst breschwerlich. Unsere Kinder
kommen auch nicht mehr gern in ihre Geburtsstadt.